Prinzessin Annas Tod
von Hans-Joachhim Böttcher
Das Residenzschloss zu Dresden
Am Abend des 22. Dezember 1576 traf der Wagen mit Prinzessin Anna in Dresden ein. Nach über 15 Jahren, seit sie
im August 1561 mit Prinz Wilhelm von Oranien die Ehe eingegangen war, kam sie damit nun wieder erstmals in ihre
Geburtsstadt.
Ein freudiger Besuch oder eine Heimkehr der Prinzessin war das allerdings nicht. Wie von ihrem Onkel Kurfürst August
schon früher angedroht, hatte er für Anna in einem abgeschiedenen Teil des Residenzschlosses, dort wo niemand ihr Klagen
und ihr Toben hörte eilig drei Räume als geheimes Gefängnis herrichten lassen. Der vordere Raum, der sogenannte alte Saal,
diente davon als Aufenthalt für die zwei im Wechsel dort Tag und Nacht Anna bewachenden vereidigten Wärter. Hier in diesem
Raum hielten sich eventuell auch gelegentlich ein oder zwei Frauen auf, die ihr zur Betreuung zeitweise zugeordnet waren.
Die Tür zu Annas vorderem Raum hatte man heraus genommen und dafür eine massivere mit einer vergitterten Öffnung versehene
eingesetzt. Dadurch konnten die Wächter Anna immer im Blick behalten. Hinter diesem etwas größeren Raum befand sich noch
eine Kammer, in der sie offenbar schlief. Die Fenster von Annas Räume waren vermauert worden, was sicher nur im unteren
Teil erfolgte, da sie ja sonst kein Licht gehabt hätte.
Am Heiligabend 1576 wurde ein Inventar der Sachen von Anna aufgestellt, die in einem extra Wagen hierher gebracht
worden waren. Diesen kläglichen Besitz, der in sechs Kasten und Laden Platz fand, wozu noch fünf Teppiche kamen, gab
man ihr dann mit in das Gefängnis. Die Zeit offenbar nun allein verbringend, öffnete sich die Tür zu ihrem Vorraum wohl
nur selten oder sogar gar nicht. In einem Schreiben an Annas Onkel Landgraf Wilhelm von Hessen berichtete August selbst,
dass von ihm ein Geistlicher bestimmt worden war,
„der sie teglich durch ein fensterlein do ir die speys und tranck
gereicht werde. Ihrer begangenen sünde mit Vleis erinnere." Das hieße, dass wirklich niemand ihre Räume mehr betrat,
sie also in völliger Isolation leben musste. Ob das letztlich so konsequent gehandhabt wurde ist unklar.
Anna Prinzessin von Sachsen. Porträt von Jaques Le Boucq (1520-1573).
Die Haftbedingungen die Kurfürst August, offenbar hat sich allerdings vorrangig seine Gemahlin Anna darum gekümmert,
für seine Nichte geschaffen hatte waren in jedem Fall unmenschlich. Ob in der Folge Anna einmal von ihrem Onkel zu einem
klärendem Gespräch oder zumindest einem ihr Hoffnung gebenden Besuch aufgesucht wurde ist unbekannt. Es dürfte jedoch
auf Grund seines harten Charakters stark zu bezweifeln sein. Ihm und seiner Gemahlin wäre es jedenfalls lieber gewesen,
wenn Anna schon Tod gewesen wäre. So schrieb die Kurfürstin über sie in jenem Jahr entsprechend ihres kalten Wesens an
eine Verwandte:
„...die lebet leider noch, wieweil je besser, sie were vorlengst seligklich gestorben".
Über das Leben, oder besser Vegetieren von Anna in ihrem Gefängnis gibt es nur noch drei Berichte. Das Kurfürstenpaar
war lediglich um das Seelenheil ihrer Nichte besorgt und wohl noch mehr um das eigene. Darum sollte der von ihnen
beauftragte Geistliche nicht nur Anna dazu bewegen ihre Sünden zu bereuen, sondern auch ihren Feinden - also ihnen
selbst - verzeihen. Am 11. Juli 1577 verfassten der Superintendent Creyser sowie Magister Glaser für Kurfürst August
einen Bericht über ihren Besuch bei Anna. Am Tag zuvor hatten die Theologen ihr eindringlich ihre Sünden vorgehalten.
Darauf antwortete sie jedoch, dass sie sich der Sünde, wofür man ihr die Schuld gibt, nicht schuldig fühle. Sie meinte,
dass ihre Sünde lediglich darin bestehe, dass sie sich bereden ließ
den „sodomistischen Bupen (den also nannte sie den
Prinzen)" zum Ehemann zu nehmen. Als die Geistlichen weiter mit Anna reden wollten habe sie sich dann so aufgeregt,
dass das Gespräch abgebrochen werden musste. Am Tag darauf kamen die beiden Herren wieder zu Anna. Wegen großer
Schwachheit zu Bett liegend, zeigte sie sich geduldiger und sittsamer. In dem nun folgendem Gespräch um religiöse Fragen
erklärte Anna unter anderem, dass sie gar nichts von den Calvinisten hielt, mit welchen sie oft großen Streit gehabt habe.
Für das Angebot ihr das Sakrament geben zu wollen dankte sie und meinte hinhaltend, dass sie danach schicken würde. In dem
Gespräch bewegte sie sich bei allen religiösen Fragen offenbar im Rahmen der in Sachsen herrschenden lutherischen Theologie.
Da sie sich auch höflich bei den Geistlichen für deren Besuch bedankte, zeigten die sich ihr gegenüber mitleidig. So legten
sie in ihrem Bericht nieder, dass
die Prinzessin ganz krank und schwach sei, im Bett liege und nicht aufstehen wolle. Sie
habe sie gebeten doch dafür zu sorgen, dass man ihr Brot und Bier neben das Bett auf den Kasten stellen möge. Auch
berichteten die Herren, dass sie an der weiblichen Krankheit ?sicher Unterleibsblutungen, vielleicht da sie Gebärmutterkrebs
hatte? leide. Seit 10 Wochen sei sie daran erkrankt und habe deshalb alle Kräfte verloren. Die Geistlichen baten darum den
Kurfürsten, dass er die Prinzessin doch mit einer besseren Aufwartung versehen und ihr ein altes treues Weib zur Betreuung
geben möge.
Kurfürst August von Sachsen. Gemälde von Lucas Cranach d. J.
Kurfürstin Anna 1565. Gemälde von Lucas Cranach d. J.
Kurfürstin Anna betätigte sich bekannter Weise als leidenschaftliche Apothekerin, war also sehr heilkundig und gab
großzügig Medikamente an Standesgleiche, dem Adel aber auch dem Bürgertum ab. Nicht so jedoch an ihre Nichte, die wollte
sie lieber tot als lebend sehen.
Eine Woche darauf suchten die Geistlichen Prinzessin Anna wieder auf. Sie sprachen mit ihr über Gottes Wort und mahnten
sie zur Reue, Buße sowie Geduld. Wie schon beim letzten Mal verweigerte sie die Annahme des Sakraments, begründete es nun
allerdings damit, dass sie ihren Feinden nicht vergeben könne. Denn das Unrecht, was man gegen sie ausgeübt habe, sei so groß,
dass
„pillich justicia dagegen gepraucht solte werden". Im Zusammenhang mit der Diskussion über den Inhalt und Sinn des
Vaterunsers lehnte sie wiederum ebenfalls eine Verzeihung der Fehler ihrer Feinde ab,
da die tausendmal größer seien als
die ihrigen. Sich immer mehr durch die Geistlichen provoziert fühlend, kam der Ärger auf diese immer mehr in ihr hoch. Sie
beschimpfte sie als lose, verlogene, heuchlerische Pfaffen, die alles billigen, was man ihnen vorgebe. Immer mehr die
Beherrschung verlierend, begann sie letztlich völlig wirr über alles Mögliche unverständlich zu reden. Die Geistlichen
resignierten schließlich und verließen Anna. In ihrem Bericht schrieben sie, dass die Prinzessin nicht nur wenn sie zornig,
sondern auch wenn sie sich sittsam verhalte nicht bei sich sei. Dadurch könne man bei ihr zur Zeit wenig Fruchtbares
ausrichten. Erst wenn sie bei gutem Verstand sei und es zu wahrer Buße bringe hielten sie es für sinnvoll sie mit Nutzen zu
besuchen.
Annas schon seit Jahren desolater Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends immer mehr, während ihre
Gefühlsausbrüche an Heftigkeit zunahmen. Das Leben in dem dunklen, kalten und feuchten Gefängnis, unter unvorstellbar
entwürdigenden Bedingungen, trug sicher seinen Teil noch dazu bei. Ihr darüber informierter Onkel beauftragte darum mehrere
Herren über sie ein Gutachten anzufertigen. Mit Datum vom 11. Dezember 1577 lieferten die kurfürstlichen Räte dieses ab.
Offenbar besuchten die Herren Anna jedoch nicht selbst, sondern stützten sich dabei auf Aussagen verschiedener
Personen.
Laut diesem Dokument habe sie ungereimte Vorstellungen und rede vor Männern Dinge, wie es eine vernünftige Frau nicht tue.
Auch spräche sie schlecht von ihren Kindern, wie auch über den Kaiser. Das Resümee der Herren war, dass bei aller ihr
zugemessener Bosheit solche Sachen von keinem rechtsinnigen Menschen vorgebracht werden könnten. Sie sei also „im Kopf
verrückt", da die Bosheit eine Melancholie oder Zerrüttung des Hauptes bei ihr verursacht habe. Eigenartiger Weise
empfahlen die Räte nicht Anna auf Grund ihres schwachen Zustandes sofort einen Arzt zu schicken. Sondern, man riet noch
einige Tage zu warten und erst dann Mediziner zu Rate zu ziehen. Die sollten sodann untersuchen, ob sie an einer
Melancholie oder Manie erkrankt sei und ob sie durch Arznei oder Züchtigung zu heilen sei. Wenn der ärztliche Bericht
vorläge, könnten Geistliche ihr Gottes Wort vortragen und sie auf den Weg der rechten Erkenntnis führen. Sollte sie zur
Vernunft kommen, wolle man hoffen, dass sie dem Kurfürsten und seiner Gemahlin Abbitte leistet. Weigere sie sich aber und
beharre in ihrer Boshaftigkeit, so wolle man mit gebührlichem Ernst gegen sie vorgehen. Dann sei zu überlegen, ob man sie
nicht vielleicht nach Radeberg bringt, damit wenig Leute um sie wären, da der Kurfürst „dieser verdrießlichen Beschwerung
erledigt werden möchte".
Dazu kam es jedoch nicht mehr. Schon wenige Tage später, am 18. Dezember 1577, fünf Tage vor ihrem 33. Geburtstag, verstarb
Anna Prinzessin von Sachsen Herzogin zu Sachsen, die einzige Tochter des großen Kurfürsten Moritz, nach dem Empfang des
Sakraments, in ihrem Gefängnis im Residenzschloss zu Dresden.
Wenngleich Prinzessin Annas Leben ehemals kein Einzelschicksal war, so war es aber doch eines von außergewöhnlicher Tragik
und Dramatik. Wie es dazu überhaupt kommen konnte, erzählt der Autor Hans-Joachim Böttcher in seiner Biografie: „Anna
Prinzessin von Sachsen (1544 - 1577)", die im November 2013 im Dresdner Buchverlag erscheint.